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US-Verbündete verlegen Truppen vom Irak nach Afghanistan

Verfasst von: Afghan-Info Team ::: am Freitag, 23. Februar 2007, 15:42 Uhr ::: 100 Aufrufe

Nachrichten Hamburg - Großbritannien schickt bis zu 1000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan. Nur zwei Tage nach der Ankündigung des Irak-Rückzugs offenbart dieser neue Schritt einen heiklen Strategieschwenk der US-Verbündeten: Im Irak sehen sie kaum noch Hoffnung - dafür wollen sie Afghanistan retten. Heute berichtet der "Guardian", die britische Regierung werde in Kürze die Entsendung von 1000 zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan bekannt geben. Verteidigungsminister Des Browne werde den Schritt am Montag im Parlament bekannt geben - keine Woche, nachdem Premier Tony Blair den Rückzug von 1600 Soldaten binnen Monaten aus dem Irak angekündigt hat.
Das Verteidigungsministerium teilte offiziell bisher nur mit, die Truppenstärken in Afghanistan würden ständig daraufhin überprüft, dass die Kommandeure genug Soldaten hätten. Großbritannien hat jetzt schon 5000 Soldaten in dem Land - nach den jetzt geplanten Veränderungen wäre Afghanistan das wichtigste Auslands-Einsatzgebiet der Briten, im Irak hätten sie dann nur noch 5500 Soldaten.

Großbritannien steht mit diesem Umdenken nicht allein. Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen hatte parallel zu Blair den Irak-Rückzug seines Landes angekündigt und die neuen Prioritäten deutlich gemacht: Man werde das dänische Bataillon im Südirak nun vollständig abziehen. Dies sei angesichts der britischen Ankündigung über einen Teilrückzug "völlig natürlich". Stattdessen werde er, Rasmussen, nun im Parlament erörtern, ob man 400 bis 600 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan schicken solle. Grund: "Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Nato hier den Kampf gegen die Taliban gewinnt."

Der Schwenk der Dänen, einst ein besonders enger US-Verbündeter in der "Koalition der Willigen" beim Irak-Krieg, folgte dem von Spanien und Italien. Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero hatte als erste Amtshandlung die spanischen Soldaten aus dem Irak heimgeholt - in Afghanistan ist Spanien dagegen noch mit rund 600 Soldaten im westafghanischen Herat präsent. Italien hatte seine Irak-Streitmacht im vergangenen Jahr abgezogen - um den Afghanistan-Einsatz ist nun die Regierung Prodi ins Wackeln geraten. Den Konflikt hat der Premier inzwischen offenbar für sich entschieden.

Die Briten, wichtigster Partner der Amerikaner im Kampf gegen den Terrorismus, fühlen sich schon längst durch den Zwei-Fronten-Krieg überfordert: Der relative Frieden in der britisch besetzten Region Basra im Südirak ist nur vordergründig die Rechtfertigung für den von Premier Tony Blair angekündigten Teilrückzug. Den tieferen Grund sprechen britische Militärs offen aus: Die eigene Armee sei "overstretched", - "überdehnt" - der Spagat zwischen den Missionen in Afghanistan und im Irak nicht zu schaffen.

In Zahlen drückt sich die Überforderung so aus: Beim Angriff auf den Irak war Blair an der Seite von US-Präsident Bush mit rund 40.000 Soldaten dabei, davon verblieben später 9000, jetzt sind es 7100. Weitere 1600 Soldaten sollen nun abgezogen werden. Damit erreicht die schrumpfende Irak-Streitmacht der Briten die Größe des eigenen Afghanistan-Kontingents, das Verhältnis dürfte sich weiter verschieben.

Australien erwägt, weitere Truppen nach Afghanistan zu schicken, wo derzeit rund 550 Soldaten im Einsatz sind. "Kein Australier sollte überrascht sein, wenn wir uns zu einer Erhöhung entscheiden", sagte der Verteidigungsminister des Landes, Brendan Nelson.

Die Regierungen der US-Verbündeten folgen der Einsicht: Der Krieg im Irak ist für den Westen nicht mehr zu gewinnen, nun gilt es, wenigstens in Afghanistan zu bestehen.

Der neue Realismus bringt nun die Bundesregierung in Schwierigkeiten, stellt er doch die bisher praktizierte Aufgabenteilung in Afghanistan in Frage. Einen ersten Vorstoß machte bereits der Sicherheitsberater von US-Präsident George W. Bush, Stephen Hadley, bei einem Treffen des Nato-Rates in Brüssel. Er plädierte dafür, die militärische Aufteilung Afghanistans in fünf von der Nato verwaltete Zonen aufzugeben. "Wir sind für einen Ansatz, der dem ganzen Land Sicherheit bringt", sagte Hadley.

Bisher ist Afghanistan in fünf Zonen unterteilt, rund 35.000 Soldaten der internationalen Allianz halten sich dort mit einem Mandat der Uno (Isaf) auf. Deutschland hat mit knapp 3000 Soldaten im vergleichsweise ruhigen Norden die Führung. Briten, Dänen Kanadier und Niederländer tragen die Verantwortung im umkämpften Süden des Landes, darunter in den besonders gefährlichen Provinzen Helmand und Kandahar, Hochburgen der Taliban. Diese Aufteilung soll nach dem Willen der in Süd-Afghanistan engagierten Länder fallen. Die Nato-Befehlshaber bräuchten "Flexibilität, die Truppen durch das Land zu bewegen - je nachdem, wo sie gebraucht werden und wie sie gebraucht werden", so Hadley.

Alle Länder sollten deshalb ihre Truppen für Einsätze in ganz Afghanistan zur Verfügung stellen, forderte Hadley. Das sei "auch eine Frage der Solidarität".

Die Nato hatte wiederholt an die wichtigsten potentiellen Truppensteller appelliert, doch bitte mehr Soldaten zu schicken - und diese vor allem für die Kampfregionen im Süden des Landes zur Verfügung zu stellen. Neben den USA fordern vor allem Briten und Kanadier Unterstützung, deren Streitkräfte einen hohen Blutzoll entrichten mussten. "Es geht darum, die Lasten gerecht zu verteilen", forderte der Vorsitzende des kanadischen Verteidigungsausschusses, Colin Kenny im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Eine Neuordnung würde das deutsche Mandat für die Bundeswehr hinfällig machen, das sich ausdrücklich auf den Norden Afghanistans bezieht. Die Bundesregierung betont dagegen, wie der Sprecher von Verteidigungsminister Jung formulierte, dass Deutschland am Hindukusch "umfänglich seinen Beitrag leistet".

Bisher hatten die Vorstöße zu einer neuen Aufgabenverteilung wenig Chancen: Das deutsche Verteidigungsministerium verweist darauf, dass die Verantwortungszonen bewusst so eingeteilt worden sei, wie es derzeit der Fall ist. Am Prinzip der territorial aufgeteilten Verantwortung wollen neben den Deutschen auch die Franzosen festhalten, die in Kabul das Kommando führen, ebenso die Italiener, die im vergleichsweise ruhigen Westen des Landes stationiert sind.

Doch die Verbündeten drängen: Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer und Nato-Oberbefehlshaber John Craddock sind zu einem überraschenden Besuch in Afghanistan eingetroffen, wo sie sich mit den Kommandeuren der internationalen Schutztruppe treffen will. Der militärische Führer der Taliban, Mullah Dadullah, kündigte unterdessen im Sender al-Dschasira an, der Beginn der Taliban-Offensive stünde unmittelbar bevor. 6000 Kämpfer hielten sich bereit.
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