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Briefe nach Afghanistan - Tränen zu Hause

Verfasst von: Afghan-Info Team ::: am Freitag, 02. März 2007, 19:55 Uhr ::: 85 Aufrufe

Nachrichten Freyung-Grafenau. Die Familie E. sitzt am Küchentisch und spricht darüber, was ihnen bevorsteht: Vater Oliver geht für vier Monate nach Nord-Afghanistan, nach Mazar-e-Sharif. Er ist Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr in Freyung und wird mit seiner Kompanie am 13. März in Marsch gesetzt. Das ist sein sechster Auslandseinsatz, bisher war der 44-Jährige vier Mal in Bosnien und einmal im Kosovo, um zur Friedenssicherung beizutragen. Seine jüngste Tochter Veronika (17) fängt zu weinen an. Der bevorstehende Einsatz ihres Papas nimmt sie sehr mit. Ihr Vater wird bei ihrem 18. Geburtstag nicht da sein. Auch bei ihrem Schulabschluss war er im Auslandseinsatz. »Dich treffen immer alle wichtigen Termine, Du Arme«, tröstet sie ihre Mutter Regina und nimmt sie in den Arm.
Auch ihr stehen Tränen in den Augen. Seit einem knappen Jahr weiß die Familie, dass Vater Oliver nach Afghanistan muss. Die ältere Tochter Christina spielt etwas angespannt mit ihren Fingern und sagt: »Ich kann es noch gut verdrängen, aber wenn es so weit ist, wird es schon sehr hart. «

Als Kinder haben die heute 20-Jährige und ihre drei Jahre jüngere Schwester eine Strichliste geführt, wie viele Tage es noch dauert, bis der Vater vom Auslandseinsatz wieder heimkommt. So konnten sie die Situation am besten verarbeiteten. Wenn Papa Oliver dann endlich seine Familie wieder in die Arme schließen konnte, bekam er einen selbstgemachten Heimkehrerkalender von seinen Töchtern.

Jetzt sind die beiden älter, erwachsener. Sie haben viel zu tun, gehen arbeiten, treffen sich mit Freunden. Das lenkt ab. Jetzt ist es die Mutter, die am meisten unter den Auslandseinsätzen des Vaters leidet. Sie ist sehr viel allein und hat, wie sie selbst sagt, zu viel Zeit zum Grübeln. »Man schiebt es von sich weg«, sagt Regina. Der 42-jährigen Hausfrau wurde alles erst so richtig bewusst, als sie die helle Wüstenuniform ihres Mannes gewaschen hat. »Mit jedem Teil das man bügelt, denkt man sich nur: Scheiße. Es ist ein saublödes Gefühl. «

Im Internet Chat »Von Frau zu Frau«, den die Partnerin eines Soldaten im Auslandseinsatz ins Leben gerufen hat, findet Regina Trost und Halt unter Gleichgesinnten. Dort treffen sich Frauen, Mütter, Freundinnen oder auch Soldatinnen im und nach dem Einsatz und sprechen offen über ihre Gefühle. »Da haben sich Freundschaften quer durch die Republik gebildet«, freut sich Oliver über diese Hilfestellung. Und seine Frau fügt hinzu: »Das tut mir gut, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Man kann sich alles von der Seele schreiben, was einen belastet. « Auch der Kontakt zur Familienbetreuungsstelle in der Kaserne gibt den drei Frauen Kraft. »Da traue ich mich auch mal wegen Kinkerlitzchen anzurufen oder einfach nur zum Reden. «

Und dennoch: die Angst vor dem 13. März kommt immer wieder hoch. Auch bei den Töchtern. Veronika erzählt davon, dass sie oft von Bekannten auf die Situation der Familie angesprochen wird. Viele wissen, dass ihr Vater nach Afghanistan muss. Manche seien oftmals sehr unsensibel, »reiben mir hin, was da unten los ist. Ich will das doch nicht immer wieder hören«, schluchzt die 17-Jährige und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

Damit die Emotionen nicht ständig hochkochen, unterhält sich Vater Oliver sehr viel mit seiner Familie. Alle wissen Bescheid, was er »dort unten« tun wird, dass er in Containerbauten mit Klimaanlage schlafen wird und dass er Satellitenfernsehen in seiner Stube hat. Im Lager gibt es ein Fitnesszelt und eine Kinoleinwand.
Auch hungern muss er in Afghanistan nicht. »Das Essen im Auslandseinsatz ist generell hervorragend«, betont der 44-Jährige. Er und seine Kameraden werden von einer Schweizer Cateringfirma betreut und bekommen verschiedene Büfetts oder Menüs. Gutes Essen im Einsatz sei wichtig, auch für die Psyche. Viele Soldaten würden die lange Trennung von ihren Angehörigen unterschätzen. »Und den Frust wegsaufen darf man nicht. Man ist ja eigentlich immer im Einsatz. « Daher gebe es die Zwei-Dosen-Regel. Mehr als zwei Bierchen sind also nicht drin. Oliver, weiß, wie es im Auslandseinsatz zugeht.

Auch wenn er schon jede Menge Erfahrung sammeln konnte, sei Afghanistan zum Beispiel nicht mit dem Balkan zu vergleichen. In Afghanistan sei die permanente Gefahr größer. »Das Land ist eine Nummer schärfer, als alles, was ich bisher kannte. « Er hofft für seine Familie und die seiner Kameraden, dass die Kompanie aus Freyung von Terroranschlägen oder Minenunfällen verschont bleibt. Bisher hatten die Freyunger Soldaten immer Glück. Aber wenn er von Anschlägen auf Deutsche Soldaten hört, geht ihm plötzlich durch den Kopf, wie verwundbar er eigentlich ist. »Aber das ist mein Beruf. Ich habe einen gewissen Dienstgrad und muss mich anpassen. « Wenn seine Kompanie geht, geht auch er auch mit - das sei selbstverständlich. Kurz vorher habe man zwar immer ein komisches Gefühl. »Man lebt damit, gewöhnt sich aber nie daran. «

Um mit seiner Familie in Kontakt zu bleiben, hat Oliver eigens einen Handy-Vertrag mit Bundeswehrtarif abgeschlossen. Außerdem gebe es in seinem Lager auch ein Internetcafé. Seine Frau setzt eher aufs Briefe schrieben. »Das ist schöner als telefonieren, denn einen Brief kann man immer wieder in die Hand nehmen und lesen, wenn es einem schlecht geht. « Auch ihr Mann hat in den bisher fünf Auslandseinsätzen das gute alte Briefe schreiben wieder für sich entdeckt und muss über sich selbst schmunzeln: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal zum Schreiber werde. «

Am 13. März wird Oliver von Stuttgart aus wegfliegen. Zum Flughafen begleitet ihn seine Familie nicht. Sie wollen sich möglichst »kurz und schmerzlos« von ihm verabschieden. »Aber wir werden den Abend vorher noch zu viert genießen«, sagt der Familienvater. Es gehe nicht darum, noch viel zu reden. Veronika pflichtet ihm bei: »Hauptsache beinand sein. «

von Andrea Klemm - PNP (Freyung) vom Freitag, 02. März 2007

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